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:: von Prof. Dr. Peter Holm
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Künstliche Intelligenz und menschliche Arbeit

Im Rahmen der Diskussion inwieweit menschliche Arbeit in Zukunft durch Computer ersetzt wird, ist es empfehlenswert, den Blick über den Tellerrand von „Industrie 4.0“ zu heben. Der Begriff engt den Blick ein auf den industriell relevanten Teil einer Entwicklung, die in ihrer Bedeutung weit über die Sphäre der Industrie hinausgreifend von gesellschaftlicher und ja, tatsächlich auch von historischer Bedeutung ist. Diese Entwicklung in ihrer Stoßrichtung und ihren möglichen extremen Endpunkten, auf die sie zuläuft, besser zu verstehen, hilft, um sich im Hier und Heute besser zu orientieren und Zukunft gezielter zu gestalten. Im Kern wird diese Entwicklung angetrieben von zwei großen technologischen Entwicklungen, die parallel laufen und sich gegenseitig verstärken: Die Verbesserung der Fähigkeiten von Robotern einerseits und künstlicher Intelligenz (KI) andererseits. Die Verbesserung der Leistungsfähigkeit von Robotern führt dazu, dass immer mehr Tätigkeiten, die im Wesentlichen menschliche Körperkraft erfordern, durch Maschinenkraft ersetzt werden können. Das ist im Prinzip nichts Neues, sondern eine Bewegung, die mit der industriellen Revolution begonnen und seitdem immer mehr Fahrt aufgenommen hat. Die Entwicklung künstlicher Intelligenz wiederum führt dazu, dass immer mehr Tätigkeiten, die im Wesentlichen intellektuelle Fähigkeiten erfordern, ebenfalls sukzessive durch Maschinen übernommen werden können. Das hingegen ist etwas fundamental Neues.

Science-Fiction versus Lebenswirklichkeit

Angetrieben werden beide Entwicklungen durch das Mooresche Gesetz, das vereinfacht formuliert besagt, dass sich die Leistung eines Computers etwa alle 18 Monate verdoppelt. Das Gesetz folgt also einer exponentiellen Logik, nach der von einem tiefen Niveau beginnend eine Verdopplung der Leistungsfähigkeit lange Zeit zu keinen großen Veränderungen führt, ab einem gewissen Niveau jedoch zu dramatischen Leistungssteigerungen in extrem kurzer Zeit führt. Im Jargon des Silicon Valley wird hierbei von der „zweiten Hälfte des Schachbretts“ gesprochen. Wenn man den Start des Mooreschen Gesetzes auf das Ende der 1950er Jahre ansetzt, befindet sich die Computertechnologie in dieser Metapher gesprochen seit dem Jahr 2006 auf der „zweiten Hälfte des Schachbretts“. Das bedeutet, dass sich von nun an sowohl Roboter- als auch KI-Technologien mit Siebenmeilenstiefeln weiterentwickeln werden und dass sich unsere Lebenswelt mit rasender Geschwindelt einer Welt entgegenbewegt, die wir vor kurzem noch für Science-Fiction gehalten hätten.

Was bedeutet das für den Menschen?

Zu Beginn der ersten industriellen Revolution, als die ersten Dampfmaschinen begannen, den Menschen in der Domäne körperlicher Leistungsfähigkeit herauszufordern, veranstalteten die Menschen Wett-Tauziehen mit Maschinen, um ihre eigenen Überlegenheit zu beweisen. Doch als das erste Mal eine Dampfmaschine gewann, hatte der Mensch nie wieder auch nur den Hauch einer Chance. Im Gegenteil, die Überlegenheit vergrößerte sich mit jedem Jahr, und der Mensch zog sich in Fitnessstudios und Sportarenen zurück, um seine körperlichen Fähigkeiten auszutesten.

Was wird passieren, wenn der Mensch in einigen Jahren auch das Tauziehen im intellektuellen Bereich verloren hat und mit jedem Jahr weiter zurückfällt? Das erste Tauziehen, das mit einer Niederlage endete, war das zwischen dem Schachweltmeister Garri Kasparow und dem IBM-Computer Deep Blue im Jahr 1997. Es ist in der Zwischenzeit unter Experten keine Frage mehr ob, sondern nur noch wann dieses Tauziehen auf breiter Front verloren geht. Die Frage nach den Konsequenzen für den Menschen drängt sich umso mehr auf, da sich der Mensch seit der Aufklärung über seine rational-intellektuellen Fähigkeiten definiert. Wenn der Mensch genau in dieser vermeintlich ihm eigenen Domäne durch KI überrundet wird und darin, wie es zumindest die KI-Forscher prophezeien, schon bald darauf ähnlich rückständig sein wird, wie ein Affe gegenüber einem Menschen, dann stellt sich auf einer ganz grundsätzlichen Ebene die Frage, was Mensch-Sein eigentlich ausmacht und wo sein besonderer Beitrag liegt. Diese Frage stellt sich nicht nur auf ökonomischer, sondern auch auf gesellschaftlicher Ebene und für jeden einzelnen Menschen. Nimmt die Entwicklung tatsächlichen diesen Verlauf, so wäre dies die vielleicht bedeutendste Frage des 21. Jahrhunderts. Bereits jetzt ist erkennbar, welche Antworten sich auf diese Frage ergeben könnten. Im Kern gibt es zwei Positionen, die zu zwei sehr unterschiedlichen Entwicklungsoptionen für den Menschen führen. Wahrscheinlich ist, dass beide Wege parallel zueinander beschritten und sich perspektivisch auch vermischen werden. Die eine Position hält an dem Selbstverständnis des Menschen als ein primär rationales Wesen fest und versucht im Wettlauf mit KI Augenhöhe zu bewahren, indem Mensch und Maschinen zusammenwachsen. Es ist gewissermaßen der Versuch, die Position als Krönung der Schöpfung zu verteidigen, indem man sich mit dem größten Herausforderer verbündet.

Die andere Position zieht in Anbetracht der überlegenen Fähigkeiten künstlicher Intelligenz die konträre Konsequenz, dass das enge Verständnis des Menschen als ein rein rationales Wesen vielleicht nicht der Weisheit letzter Schluss gewesen ist. Der Weg, der sich aus dieser Position heraus ergibt, führt zu einer Redefinition des Menschen, die neben Rationalität auch emotional-empathische Facetten, Kreativität, Phantasie, Intuition und Leidenschaft in das Selbstverständnis des Menschen aufnimmt. Über diesen Weg wird der Boden des Menschenbildes der Aufklärung verlassen und neben der eher mathematisch orientierten Intelligenz von Maschinen ein neuer Raum für die Entfaltung von Mensch-Sein entstehen. Auch diesen Weg haben wir längst begonnen zu beschreiten. Die Betonung von Leidenschaft und Kreativität im Leitbild der digitalen Ökonomie ist dafür nur ein Beispiel unter vielen. Unternehmen ins digitale Zeitalter führen

Mit diesem Blick in die fern erscheinende, womöglich jedoch nicht allzu ferne Zukunft gewappnet, können wir zurückkommen zu Ökonomie und Industrie und ganz konkret zur Aufgabe, Unternehmen in das digitale Zeitalter zu führen. Welche Tätigkeiten rücken im Unternehmen der Zukunft im Anforderungsprofil nach vorne, welche werden an Maschinen ausgelagert und welche werden ganz verschwinden? Sicher ist, dass zahlreiche leicht algorithmierbare Tätigkeiten an Maschinen ausgelagert werden. Dazu werden auch Tätigkeiten zum Beispiel aus Legal, Tax oder Insurtech zählen, die aufgrund ihrer hohen Anforderungen im Bereich strukturierender Intelligenz bislang einen hohen Ausbildungsgrad und Stellenwert in den Firmenhierarchien hatten. Daneben wird es Tätigkeiten geben, in denen Mensch und Maschine in Symbiose arbeiten werden. Hierzu gehören beispielsweise Tätigkeiten In Produktion, da dort Erfahrungswissen mit dem via Datenbrille oder Ähnlichem bereitgestellten Maschinenwissen kombiniert zu besseren Ergebnissen führt als Mensch oder Maschine allein. Die wohl spannendste und zugleich schwierigste Frage ist, welche Tätigkeiten genuin menschlich bleiben werden und welche neuen Anforderungen diese Tätigkeiten an den Menschen stellen werden. Dies dürfte sich auf zwei Bereiche konzentrieren: Zum einen Tätigkeiten, die bis auf weiteres von Computern nicht übernommen werden können, zum anderen Tätigkeiten, von denen wir nicht wollen, dass sie von Computer übernommen werden. Das Paradebeispiel für die erste Kategorie von Tätigkeiten ist Management im eigentlichen Sinn. Management ist in den optimierten und verschlankten Strukturen gegenwärtiger Unternehmen bisweilen zu einer Tätigkeit geworden, die zu großen Teilen nur noch aus Erhebung von Planungsdaten, Erstellen von Reports, Administration und Organisation besteht. Im wörtlichen Sinn ist Management jedoch (lat. manus für Hand und agere für führen) ein an der Hand führen der Organisation. Das Bedarf vor allem der Übersicht über alle Komponenten im System, der Fähigkeit, seiner Organisation eine klare Vision zu geben, auf welches Ziel sie hinstreben sollte, und schließlich der Etablierung von Strukturen, die es allen Akteuren im System ermöglichen, dies auf die bestmögliche Weise zu tun.

KI als Managementaufgabe

Zu diesen Akteuren gehören künftig auch in steigendem Umfang maschinelle Systeme, was die neue Anforderung an Manager stellt, über die erforderliche technologische Kompetenz zu verfügen, aus der heraus erst eine Einschätzung über den bestmöglichen Einsatz von Mensch und Maschine hervorgehen kann. Um Management wieder zu einer holistischen Aufgabe zu machen, müssen ferner die über Jahrzehnte etablierten siloartigen Strukturen und kleinteiligen Hierarchien abgebaut und durch agile und flexible Organisationsstrukturen ersetzt werden. Das Paradebeispiel für die zweite Kategorie von Tätigkeiten ist der Arzt. Unterschiedlichen Studien zufolge sind KI-basierte Computer wie IBMs Watson schon heute die weit besseren Diagnostiker als menschliche Ärzte. Um auf dem Stand von Watson zu bleiben, müsste ein Arzt jede Woche etwa 160 Stunden Fachliteratur lesen. Darüber hinaus kann Watson Patientendaten in Sekundenbruchteilen mit riesigen Datenbeständen abgleichen und so sehr schnell eine treffende Diagnose erstellen. In Testläufen konnte Watson mit einer Trefferquote von 90 Prozent Lungenkrebs korrekt diagnostizieren, während die Ärzte auf eine Trefferquote von lediglich 50 Prozent kamen. Doch selbst wenn schon bald ein Computer der bessere Diagnostiker als jeder menschliche Arzt sein sollte, stellt sich doch die Frage, ob man von einem Algorithmus die Diagnose „Lungenkrebs“ entgegennehmen möchte. Es ist daher nicht davon auszugehen, dass ungeachtet der prinzipiell möglichen Algorithmierbarkeit Ärzte auf absehbarer Zeit verschwinden werden. Doch auch hier wird es einen Shift im Anforderungsprofil geben, der in diesem Fall weg vom reinen Faktenwissen hin zum empathischen Umgang mit Menschen führen wird. Übertragen wir diesen Gedanken auf Unternehmen so ergibt sich daraus, dass es insbesondere sensible Kundenschnittstellen und andere vertrauensbasierte Beziehungssysteme sein werden, die sich einer Automatisierung verschließen werden.

Niemand weiß wirklich, wohin die Weiterentwicklung der technischen Möglichkeiten Mensch und Gesellschaft führen wird. Ihre Tendenzen über den Horizont der nächsten Quartalszahlen hinaus besser zu verstehen, sollte jedoch als Teil von Management verstanden werden. Worum es dabei geht ist nicht, das Unvorhersehbare vorherzusehen, sondern darum, Strukturen zu schaffen, die auf das Unvorhersehbare flexibel und adaptiv reagieren können. Die Unternehmen, denen dies gelingt, werden die Gestalter der Zukunft sein, alle anderen riskieren, ihr Opfer zu werden.

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